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Liebe Genoss*innen,
ein vehementer Angriff erschttert derzeit den Globus: das Corona-Virus, das tdliche Konsequenzen mit sich bringen kann, versetzt viele Menschen in Angst und Panik und stellt scheinbar alle sozialen Gewissheiten in Lichtgeschwindigkeit auf den Kopf. Auch unsere Welt steht derzeit Kopf der folgende Text versammelt einige Gedanken, Perspektiven und Forderungen, ist aber nur bedingt stringent und deckt sicher nicht alle relevanten Themenfelder ab.

Der Text mit dem Titel "Die radikale Unfhigkeit des Kapitalismus, ein (gutes) Leben zu garantieren Ambivalenzen, Widersprche und linksradikale Forderungen in der Corona-Krise" gliedert sich in folgende Abschnitte:
  • Gesunder Kapitalismus?
  • Starker Staat !?
  • Reaktionre Begleitrhetorik
  • schwacher Staat!?
  • Staat des Kapitals!
  • Einvernehmen mit dem Tod als Einvernehmen mit dem Staat
  • Vertiefung gesellschaftlicher Widersprche
  • Zwischen Klopapier und Corona-Party Regression und Ohnmacht der Subjekte
  • Corona und die Linke
  • Wie knnte ein linksradikales Programm aussehen?

Anbei findet ihr den Text von unserem Blog http://achtermai.blogsport.de/

Wir freuen uns ber Weiterverbreitung und (kritische) Rckmeldungen. Ggf. stehen wir bei Interesse auch fr Video-Konferenzen, Chats o.. Formate bereit.

Distanziert-solidarische Gre:
gruppe 8. mai
[berlin/wuhan/lagos]

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Die radikale Unfhigkeit des Kapitalismus, ein (gutes) Leben zu garantieren Ambivalenzen, Widersprche und linksradikale Forderungen in der Corona-Krise

Ein Gespenst geht um in der Welt das Gespenst des Corona-Virus
(Christian Drosten) [1]

Ein vehementer Angriff erschttert derzeit den Globus: das Corona-Virus, das tdliche Konsequen-zen mit sich bringen kann, versetzt viele Menschen in Angst und Panik und stellt scheinbar alle sozialen Gewissheiten in Lichtgeschwindigkeit auf den Kopf. Auch die Welt der Autor_innen steht derzeit Kopf der folgende Text versammelt einige Gedanken, Perspektiven und Forderungen, ist aber nur bedingt stringent und deckt sicher nicht alle relevanten Themenfelder ab. Neben der ambivalenten Rolle des Staates in der Corona-Krise wollen wir auch auf die Ebene des Subjektes eingehen und zum Ende einige politische Forderungen formulieren.

Gesunder Kapitalismus?
Die kapitalistische Gesellschaft ist bekanntermaen auf Profit ausgerichtet: das Kapital beutet die Arbeiter_innen aus und eignet sich den von ihnen produzierten Mehrwert an. Der Staat ist, kurz gesagt, fr die Gewhrleistung der Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation zustndig. Dazu gehrt auch die Gesundheit der Bevlkerung, an welcher der Staat prinzipiell ein Interesse hat, um sowohl die Produktion als auch Reproduktion der Gesellschaft zu gewhrleisten. Zu diesem Zweck unterhlt der Staat in Deutschland etwa kommunale Gesundheitsmter, die Bundeszentrale fr gesundheitliche Aufklrung und weitere nachgeordnete Bundesbehrden. Zudem existiert ein hochkomplexes Gesundheitswesen, das im Wesentlichen von den Krankenkassen und medizinischen Akteuren (rzteverbnden, Kliniken etc.) selbst verwaltet wird und fr das der Staat lediglich die Rahmenbedingungen setzen soll.

Die letzten Jahrzehnte waren geprgt von einem Rckzug des Staates aus weiten Bereichen der Daseinsvorsorge bei gleichzeitiger autoritrer Formierung in Form des Ausbaus von Polizei, Militr und berwachung. Im Zuge dieser Transformation seit den 1980er Jahren wurden auch in vielen Lndern der Welt die Gesundheitssysteme analog zur Waren-Produktion auf JustInTime-Systeme umgestellt. So wurden etwa Bettenkapazitten abgebaut und die blutige Entlassung nach Operationen eingefhrt, Fallpauschalen eingefhrt, Personal und Labore eingespart sowie Kliniken und Pflegeheime privatisiert. Eine Entwicklung die u.a. dazu fhrte, dass Menschen in Pflegeheimen mitunter vor sich hin vegetieren, whrend zugleich Pflegeheim-Ketten zu den profitabelsten Kapital-Anlagen avancierten. Das Virus trifft damit zumindest in Deutschland auf ein auf Kante genhtes , profit-orientiertes Gesundheitssystem, das seit Jahren ohne groe Konsequenzen im Modus des Pflege-Notstandes luft.

Starker Staat !?
Wie reagiert nun der Staat? Im bekannten kapitalistischen Krisen-Modus wird das Parlament und die politische Opposition wie auch die kritische Zivilgesellschaft (ganz zu schweigen von der auer-parlamentarischen Linken) quasi umgehend bedeutungslos. Bundesweite politische Akteure er-scheinen hauptschlich in Person der Kanzlerin, einzelner Bundesminister sowie der Ministerprsidenten. Sie treffen ihre Entscheidungen unter Einbezug des medizinischen Experten-Wissens, personalisiert durch den neuen Posterboy der Nation, den Virologen Christian Drosten. Expert_innen anderer Berufszweige (Politikwissenschaftler_innen, Jurist_innen, Psycholog_innen etc.), geschweige denn dissidente Meinungen, finden kaum noch Gehr.

D.h. die Exekutive regiert weitgehend durch und bedient sich dabei stark des Instruments der Ver-ordnung, die im Gegensatz zum Gesetz nicht das Parlament passieren mssen. Das Parlament als der klassische Ort der Selbstreflektion der brgerlichen Gesellschaft ist somit weitgehend ausgehebelt. Wo der Bundestag doch noch einbezogen wird, winkt er grtenteils in vorauseilendem Gehorsam eilig formulierte Gesetze durch. Aktuell wurde am 24.03.2020 die berwindung des fderalistischen Prinzips auf der Ebene des Infektionsschutzes von einer breiten Mehrheit verabschiedet, nur AfD und Linkspartei enthielten sich. Mit diesem Gesetz zum Schutz der Bevlkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite hat die Bundesregierung Kompetenzen der Lnder an sich gezogen, weitreichende (digitale) berwachungsbefugnisse installiert sowie die Gesundheitsmter zur Umsetzung verschrfter Ausgangssperren und Ortsverbote befhigt. Nur ein Beispiel von Mehreren, das zeigt, wie Grundrechte wie das Recht auf Bewegungsfreiheit und auf informationelle Selbstbestimmung derzeit ohne wirklichen Widerspruch beschnitten werden.

Zugleich verfolgt die Bundesregierung eine offen nationalistische Politik, die ebenfalls loyal von groen Teilen der Bevlkerung mitgetragen wird. Anfang Mrz hatte ausgerechnet der Exportwelt-meister Deutschland ein zweiwchiges Verbot des Exports medizinischer Schutzausrstung ins Ausland erlassen. Dieses Verbot wurde in der zweiten Mrzhlfte durch eine EU-Verordnung gekippt, die nun wieder einen Export ermglicht allerdings nur innerhalb des EU-Binnenmarktes. Zudem wurden in den letzten Wochen immer mehr Grenzen zu den Nachbarlndern Deutschlands geschlossen. Offenbar ging Berlin im Alleingang vor und hat damit das Schengener Abkommen ausgehebelt, zum rger der offiziellen Politik Frankreichs und Italiens. Nicht einmal deren diplomatische Kritik an der Bundesregierung wird hierzulande noch zur Kenntnis genommen Dabei handelt es sich bei den Grenzschlieungen um eine komplett ideologische Manahme, die keine epidemiologische/medizinische Evidenz im Kampf gegen die Pandemie hat. Es geht lediglich um das Signalisieren von Handlungsmacht und Souvernitt, wohl auch um rassistischen Befrchtungen bezglich eines zweitens 2015 (Einreise hunderttausender Geflchteter) zuvor zu kommen.

Im Zuge der autoritren Formierung der letzten Jahre wurde auch ein weiterer Akteur der Exekutive weiter gestrkt: die Polizei. Sie mauserte sich oft zum eigenstndigen politischen Player, etwa in der Hetze gegen linke Bewegungen (vgl. Connewitzer Silvesternacht). Die Polizei wird nun auch die bundesweiten Ausgangsbeschrnkungen durchsetzen und es wird zu beobachten sein, wie sie hier agiert. Erste Erfahrungen aus Frankreich zeigen eine hohe Aggressivitt der flics und eine Fokussierung auf die Stadtteile der sozial Benachteiligten. In Deutschland scheint bisher allein die starke Polizei-Prsenz auf der Strae schon einschchternd auf die Untertanen zu wirken. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Personengruppen wie PoC, Wohnungslose und Drogenkonsument_innen, die vorher schon im Fokus der Repression standen, nun noch strker polizeilich drangsaliert werden.

Parallel zu den repressiven Formaten werden von der Politik ungewhnlich umfangreiche Finanz-Programme aufgelegt, die sich an Banken und Unternehmen richten, aber auch einige Hrten der Corona-Krise fr kleine Selbststndige, Mieter_innen etc. auffangen sollen. Pltzlich fllt etwa die Vermgensprfung auf Grundsicherung weitgehend weg, die lange ein fester Pfeiler des Verar-mungsprogramms HartzIV war. Jedoch wurden diese Erleichterungen wohl vor allem installiert, um die kommende Antragsflut berhaupt durch die Jobcenter bewltigen zu knnen, sowie um mglichen sozial unerwnschten Folgen der Verarmung breiter Schichten (Anstieg von Suiziden und selbstschdigendem Verhalten, erhhte Kriminalitt, Verrohung etc.) entgegen zu wirken. Wie weitreichend einzelne Manahmen auf den ersten Blick auch scheinen: sie knnen die tiefen konomischen Einschnitte des derzeitigen Ausnahmezustands mit Sicherheit nicht ausgleichen, maximal etwas abmildern.

Reaktionre Begleitrhetorik

Begleitet wird die Krise von einer politischen und medialen Rhetorik des Ausnahmezustands, des Appellierens an Gemeinschaft und Solidaritt, des Durchhaltens und Engagements. Mehr oder weniger offen wird eine Nationalisierung des Diskurses betrieben, wenn etwa die Kanzlerin in ihrer An-sprache von einer Herausforderung an unser Land wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr spricht. Als ob der 2. Weltkrieg wie eine Naturkatastrophe ber die Deutschen hereingebrochen wre und nicht ein von ihnen initiierten Vernichtungskrieg gewesen wre. Auch kulturindustriell wird schwarz-rot-gold gewedelt, wenn etwa der Rapper LGoony pltzlich Desinfektion auf Nation reimt und Capital Bra an sein Publikum als Deutsche (sowie sterreicher und Schweizer) appelliert. Vom rechten Rand werden fleiig rassistische Projektionen auf Asiat*innen und Geflchtete sowie antisemitische Verschwrungstheorien in Umlauf gebracht. In SocialMedia sind diese Feindbilder derzeit durchaus relevant. Die diversen angeblichen oder tatschlichen Nachbarschaftshilfen von Rechts sind derzeit von uns in ihrer Wirkmchtigkeit noch nicht einzuschtzen. In den etablierten Medien spielen AfD und Co. hingegen im Gegensatz zu den letzten Jahren kaum eine Rolle.

schwacher Staat!?

Die aktuelle Tendenz zum autoritren Manahmenstaat ist deutlich zu kritisieren, zumal die vor Kurzem noch unvorstellbare Repression durch ein gutes Gesundheitswesen, ein frhzeitiges Ernstnehmen der nahenden Pandemie, die massenhafte Ausweitung von Tests etc. zu vermeiden gewesen wre. Es wre jedoch zu eindimensional, den Staat nur als allmchtige Unterdrckungsmaschine zu betrachten, der die Krise inszeniert, um sein Repressionsarsenal auszubauen. Das psychische wie physische Leid, das durch Corona hervorgerufen wird, ist fucking real! Schwere Lungenentzndungen, heftige Atemnot, hohes Fieber und elender Zustand ber Tage oder Wochen so sieht die Bilanz fr viele der Erkrankten aus. Fr einen nicht unbetrchtlichen Teil der Infizierten werden klinische Behandlungen, knstliche Beatmung und Behandlung auf der Intensivstation notwendig. Schlussendlich bedeutet Corona fr einen von Region zu Region variierenden Anteil der Infizierten den Tod. Vor Allem ltere und chronisch kranke Menschen sind von solchen gravierenden Verlufen bis hin zum tdlichen Ausgang betroffen. Aber auch fr jngere Menschen kann eine Corona-Infizierung mitunter massive akute und ggf. auch chronische Folgen haben.

Der Staat ist daher neben seiner gewaltfrmig-repressiven Seite mindestens ebenso fr sein Ver-sagen, den Schutz und die Gesundheit der Einzelnen zu gewhrleisten, zu kritisieren. Im sterrei-chischen Ischgl wurde etwa die Corona-Welle lange nicht thematisiert, um den Ski-Tourismus nicht zu gefhrden. Am Beispiel Ischgl zeigt sich unter dem Brennglas, wie Kapital und Staat die Gesundheit vieler Menschen zugunsten des Profits opfern. Auch in China wurden tausende Menschenleben geopfert, nicht weil der Staat zu repressiv handelte, sondern weil er zu spt eingriff und auf frhe Warnungen nicht hrte bzw. diese sogar aktiv unterdrckte. Ebenso wurde der Virus in faschistoiden Regimen wie dem Iran nicht ernst genommen, sondern sogar geleugnet, oder die Ausbreitung noch befrdert durch religise Praxen wie das Besuchen von heiligen Sttten. Die staatliche Autoritt hat in diesen Fllen also nicht den Virus instrumentalisiert, um die Dissidenz niederzuhalten, sondern im Gegenteil hat sich der Staat hier mit dem tdlichen Virus gegen die Bevlkerung verbndet. Derartige staatliche Unttigkeit und verzgerte Krisenbekmpfung wird zehn-, vielleicht hunderttausenden oder mehr Menschen das Leben kosten.

Staat des Kapitals!
Der Staat zeigt sich so betrachtet zugleich als starker und als ohnmchtiger Staat, der die Unversehrtheit der Menschen nicht garantieren kann, da er unter dem Primat des Kapitals steht. Selbst jetzt, wo in Deutschland beinahe das komplette soziale Leben still gelegt wird sogar Friedhfe wurden geschlossen wird die Arbeitspflicht nicht ausgesetzt. Die deutsche Ontologie der Arbeit macht den Gedanken, dass nun einmal die Produktion komplett stillstehen muss, offenbar undenk-bar. Das fhrt zu absurden Szenen, wenn etwa die Polizei Menschen, die allein im Park sitzen, verwarnt, und wenige Meter weiter aber Bauarbeiter_innen in engen Gruppen zusammenstehen oder ein Meeting in geschlossenen Brorumen stattfindet.

Die Ausgangsbeschrnkungen gelten also nicht der wertschpfenden Ttigkeit, sondern der Lust. Dabei stehen die einzelnen Spaziergnger wohl kaum im Verhltnis zu den Virenherden Bro und Produktionsstrae. Von der Linken sollte daher auf den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit geblickt werden und die Kapitalisten zur Rechenschaft gezogen werden, da hier Arbeiter entweder Gesundheit oder Lohn riskieren. [2] Wie in Deutschland nicht anders zu erwarten, reagieren die Gewerkschaften jedoch vorwiegend handzahm. Ein von weiten Kreisen geteilter Aufruf zum Generalstreik wie in Italien ist hierzulande kaum vorstellbar. Die proletarische Passivitt wird sich vermutlich noch deutlich rchen. Dabei ginge es aus Sicht der Arbeiter_innen nicht allein um das Ansteckungsrisiko in den Betrieben und Bros! Auch die noch relativ privilegierten Mittelschichts-Angehrigen, die im HomeOffice arbeiten, leiden massiv unter der dauernden Kinderbetreuung aufgrund der Kita- und Schulschlieung, der mannigfaltigen Aufhebung der Trennung von Privatem und Beruflichen sowie dem Zwang, sich in einer psychischen Ausnahmesituation auf Lohnarbeit zu konzentrieren.

Einvernehmen mit dem Tod als Einvernehmen mit dem Staat
Seit einigen Tagen ist das Kapital nun auch propagandistisch erneut in der Offensive und findet in der brgerlichen Presse wieder Gehr. So fragte Alexander Dibelius, einflussreicher Manager und frherer Deutschlandchef der Investmentbank Goldman Sachs, im Interview mit dem Handelsblatt am 24.03.2020: Ist es richtig, dass zehn Prozent der wirklich bedrohten Bevlkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden dies mit der unter Umstnden dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert? Der drohende Tod zahlloser lterer und chronisch Kranker ist fr diese Gesellschaft eben noch lange kein valides Argument, den (konomischen) Betrieb einmal auf Pause zu stellen. Wie in den schon lange whrenden Diskursen um Priorisierung im Gesundheitswesen und die Frage nach der Bezahlbarkeit knstlicher Hftgelenke fr alte Menschen zeigt sich hier auch ein sozialdarwinistisches Element: die fr das Kapital sowieso nicht oder nur marginal verwertbaren Risikogruppen sollen dem tdlichen Risiko ausgesetzt werden, um nicht den eigenen Profit zu gefhrden. Bis in hochgebildete und standesgem linksliberale Kreise hinein herrscht die berzeugung vor, dass es schon irgendwie okay und verschmerzbar ist, wenn Alte und Kranke frher sterben. Noch wie in der Kindheit stehe ich allein mit meinem Entsetzen, wenn von Frischverstorbenen quasi entschuldigend gesagt wird, sie seien immerhin schon sehr alt gewesen so als htten sie vielleicht nicht noch Bock auf ein, zwei Nachmittage mit Likr gehabt. (Leo Fischer).

Am 25.03. wird die sozialdarwinistische Position, man msse aussichtslos Kranke zugunsten von Menschen mit besseren berlebensaussichten sterben lassen, von Seiten rztlicher Fachgesellschaften und sogenannter Medizinethiker auch fachlich legitimiert: Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden knnen, muss analog der Triage in der Katastrophenmedizin ber die Verteilung der begrenzt verfgbaren Ressourcen entschieden werden, heit es. Es sei unausweichlich, eine Auswahl zu treffen, welche Personen akut- oder intensivmedizinisch behandelt werden und welche nicht (oder nicht mehr). [3] Implizit sind damit v.a. alte Menschen, aber auch Menschen mit Behinderung oder schweren Krankheiten gemeint. Der in kapitalistischer Sicht gegen Null tendierende Wert der Alten und Kranken wird so in den nchsten Wochen fortlaufend gegen den kapitalistischen Mehr-Wert abgewogen werden. Es steht zu befrchten, dass sich die Interessen des Kapitals durchsetzen werden, wenn nicht endlich deutliche Gegenstimmen laut werden.

Im Gegensatz zu manch anderen Kmpfen, in denen sehr klar Stellung bezogen wird, scheint die Linke konfus und indifferent angesichts der eklatanten sozialdarwinistischen Menschenverachtung des Kapitals. Klare Positionen knnen hingegen aus lteren Schriften der Kritischen Theorie bezogen werden: Der Tod ist die grte Angst des Menschen. Das Projekt der Aufklrung ist, von den Menschen die Angst zu nehmen (Theodor W. Adorno/Max Horkheimer). Der Tod ist der Kritischen Theorie zufolge die hrteste Gegenutopie (Ernst Bloch). Das aktive Einverstndnis mit dem Tod zahlreicher Menschen bedeutet Einvernehmen mit dem Herrn ber den Tod: der Polis, dem Staat, der Natur oder dem Gott (Herbert Marcuse). Vor einigen Jahren warnte der Text 16 Thesen zum Scheitern der Linken am Tod in drastischen Worten, die sich angesichts der Corona-Krise besonders aktuell lesen: Die heutigen Diskussionen um lebenswertes Leben teilen ihre Grundlage mit dem nationalsozialistischen Denken: das identifizierende, brgerliche Bewusstsein, das Menschen auf ihre Verwertbarkeit hin unterteilt und alles (vermeintlich) Andersartige als Bedrohung wahrnimmt. Die Unterscheidung von wertem und unwertem Leben ist auch in den heutigen Todesdiskussionen, etwa um Sterbehilfe, Patient_innenverfgung, Organspende aber auch Prnataldiagnostik etc. prsent. [4]

Vertiefung gesellschaftlicher Widersprche
In der Krise spitzen sich auch jenseits des engen Terrains des Gesundheitswesens die gesellschaftlichen Widersprche zu. Die Spaltung in Deutsche und Migrant_innen verschrft sich etwa, wenn als asiatisch gelesene Menschen auf der Strae angegriffen werden aber auch die strukturelle Benachteiligung, wenn etwa lebensnotwendige offizielle Informationen zu Corona vorwiegend in deutscher Sprache verfgbar sind. Die Spaltung zwischen Staatsbrger_innen und Geflchteten verschrft sich zudem insbesondere durch deren rechtliche Schlechterstellung und Lager-Unterbringung, welche die Ansteckungsgefahr wie auch die Dimensionen der Quarantne exponentiell verschrft. Die Spaltung von Besitzenden und Besitzlosen verschrft sich, wenn sich etwa Vermgende auf Landsitze zurckziehen und Privatkliniken in Anspruch nehmen knnen, whrend arme Menschen auf beengtem (urbanen) Raum miteinander leben mssen. Oder gar als Obdachlose kaum noch Zugang zu Essen, Geld, Finanzen und bernachtungsmglichkeiten finden. Und wenn auch einige bei Weitem nicht alle der als systemrelevant deklarierten Berufe wie die Pflege oder Supermarktpersonal weiblich codiert sind, verschrft sich in der Krise auch der patriarchale Charakter der Gesellschaft. Insbesondere die Schlieungen von Kitas und Schulen verstrken den Reproduktionsdruck und zwingen vielen Frauen, die Kinder betreuen, extraordinre Zusatzbelastungen auf. Erfahrungen aus China zeigen zudem, dass es hier durch den Lockdown zu einem Anstieg huslicher Gewalt kam erste Zahlen der Berliner Polizei von Ende Mrz deuten auf eine vergleichbare Entwicklung in Deutschland hin.

Die sozialen Folgen der Ausgangsbeschrnkungen sind derzeit noch nicht abzusehen. Jedenfalls mssen die Menschen, die nun ggf. aufgrund von psychische Belastungen in den Suizid getrieben werden, die Junkies die an unreinem Stoff sterben, die Menschen denen nun regulre Gesundheitsleistungen nicht mehr zugnglich sind, oder diejenigen, deren Gesundheit durch die pltzliche Verarmung belastet wird, als indirekte Opfer noch zu den direkten Opfer der Pandemie hinzu gezhlt werden. Der Kapitalismus zeigt somit erneut seine Unfhigkeit, fr ein gutes Leben zu sorgen: erst werden Gesundheitssysteme aus Profitgrnden abgebaut, dann wird zu spt auf eine evidente Gefahr reagiert, und schlielich bringt die staatliche Reaktion wieder zahlreiche Menschen in existentielle Nte.

Zwischen Klopapier und Corona-Party Regression und Ohnmacht der Subjekte

Was bedeutet die Corona-Krise nun fr die einzelnen Menschen? In der kapitalistischen Gesellschaft treten sich die Individuen objektiv als Vereinzelte gegenber, die in Konkurrenz zueinander stehen. Als Subjekte entwerfen sie eine Selbsterzhlung von einem kohrenten, mit sich selbst identischen Ich, das weitgehend autonom seine eigenen Absichten verfolgt. Was dieser Erzhlung vom autonomen und rationalen Leben entgegensteht, wird verdrngt auf die Anderen projiziert so etwa in der rassistischen Figur Die Auslnder nehmen mir die Arbeitspltze weg.

Wurde dieses Narrativ eines autonomen Subjekts schon in den letzten Jahrzehnten durch die zu-nehmende Prekarisierung und Flexibilisierung der Gesellschaft immer brchiger, zerplatzt diese Erzhlung nun wie eine Seifenblase. Lange gehegte Selbstverstndlichkeiten soziale Rituale wie Hndeschtteln und Umarmungen zur Begrung, die Bewegungsfreiheit im ffentlichen Raum, der gesellige Austausch in der Freizeit etc. werden in rasanter Geschwindigkeit in Frage gestellt. Die verdrngte Abhngigkeit von Dritten, die in einer globalisierten Welt tendenziell eine globale Ab-hngigkeit bedeutet, wird den Subjekten in der Corona-Krise schockartig vor Augen gefhrt. Sogar die kurzfristige Planung der kommenden Tage gestaltet sich uerst prekr. Die scheinbare Naturkatastrophe bricht ber die Einzelnen in Form der ununterbrochenen Informationsflut der medialen Live-Ticker und Timelines einher. Daraus resultiert das Gefhl eines totalen Kontrollverlustes ber den eigenen sozialen Nahbereich und die eigenen Lebensplne, eine beinahe komplette Ohnmacht.

Zum Verlust des Autonomie-Gefhls treten existenzielle ngste und Sorgen um die ausreichende Verfgbarkeit von Lebensmitteln sowie um die angesichts des Corona-Virus ungewisse krperliche Unversehrtheit der eigenen Person wie auch vieler Nahestehender. Neben der oben erwhnten nationalistisch angehauchten Durchhalte-Rhetorik existieren kaum kollektiven Bewltigungsstrategien ffentliche Schrei- oder Heultherapien gibt es nicht, und auch das vermittelte Ausagieren von Aggression etwa im Sportverein entfllt derzeit. Lediglich die punktuelle Solidaritt etwa in Form nachbarschaftlicher Initiativen kann Manchen etwas Handlungsmacht und Sicherheit zurckgeben. Die berwltigenden und widersprchlichen Affekte mssen daher vorwiegend im Privaten, im sozialen Nahumfeld des Freundes- und Familienkreis, oder angesichts der fortschreitenden Quarantnisierung und (Selbst-)Isolation sogar komplett allein ausgetragen werden. Das eigene Heim wo es existiert, was im Falle von Geflchteten, Obdachlosen, Inhaftierten etc. nicht der Fall ist wird zur Schutz- und Trutzburg gegen den Virus, der im Auen tobt. Im Corona-Biedermeier putzen, polieren und renovieren die Deutschen ihre Wohnungen, wie sie nun ihre Hinterteile mit dem im berfluss gehamsterten Klopapier zum Exzess abwischen knnen. Die Regression auf infantile Verhaltensmuster aus der Kindheit, die derzeit haufenweise stattfindet und tatschlich Trost und Geborgenheit inmitten des Chaos stiftet, findet auf nationaler Ebene ihre Entsprechung im Putzfimmel und dem Klopapier-Hamstern: die Deutschen regredieren in der Krise kollektiv auf den analen Charakter, auf die ursprngliche Gemeinschaftserfahrung des deutschen Volkes von Sicherheit, Sauberkeit, Ordnung und Arbeit/Produktion. Dem entspricht das Ressentiment gegen die lustorientierten und ausschweifenden (angeblichen) Corona-Parties, deren Teilnehmende sich nicht Merkels Ruf nach Verzicht und Opfer (22.03.2020) fgen wollen. Glcklicherweise ist der Vernich-tungsimpuls im Postnazismus weit weniger stark ausgeprgt als 1933-1945. Daher geht derzeit auch keine Corona-Brgerwehr in SA-Uniformen auf der Jagd nach Volksfeinden. Vielmehr pr-gen den ffentlichen Raum neben der Polizei Spaziergnger_innen und die Jogger_innen, die mit ihrer individuellen Selbstoptimierung das perfekt an die Krise angepasste, flexibilisierte Subjekt ab-geben.

Corona und die Linke
Aus der Linken gibt es bisher wenige klare Antworten auf die Corona-Krise. Auch die Linke wurde von der Pandemie komplett berrascht und paralysiert, zumal Gesundheitspolitik bis auf wenige Initiativen in der Pflege, die Bewegung gegen den 218 oder rund um die kleinen Krppel- und Antipsychiatriebewegungen kein von links besetztes Thema ist. Offenbar fllt es vielen Linken auch schwer, die Ambivalenz der aktuellen Vorgnge zu erfassen, die nicht auf althergebrachte Nenner zu bringen ist. Entsprechend eher mager und zum Teil wirr fielen erste Stellungnahmen aus. Das Spektrum reichte von linksliberalem Sozialdarwinismus [5], die Rede von der Corona-Hysterie (indymedia), vielen Aufrufen und Praxen der Nachbarschafssolidaritt und Texte zur Anti-Repression bis hin zu zuletzt vermehrt erscheinenden antirassistischen, materialistischen und klassenkmpferischen Analysen. Einige wichtige Forderungen haben sich so herauskristallisiert, die wir abschlieend sammeln und ergnzen mchten:

Wie knnte ein linksradikales Programm aussehen?
- Generalstreik in allen Sektoren, die nicht von akuter Relevanz sind!
Da wo weiterhin gearbeitet werden muss, um die gesellschaftliche Reproduktion und die berwindung der Pandemie zu ermglichen, mssen die Bedingungen radikal und sofort verbessert werden, z. B. durch Verdopplung des Lohns, konsequenten Gesundheitsschutz, Physical Distancing, Einhaltung von Pausenregeln etc. Auch die Arbeitsbedingungen im HomeOffice mssen verbessert werden. Zudem knnten die dadurch freigesetzten Zeitressourcen genutzt werden, um auf freiwilliger Basis die Reproduktion des berlasteten medizinischen und pflegerischen Personals (z. B. durch Einkaufshilfen) zu gewhr-leisten

- Sofortige radikale Aufstockung der (intensiv-)medizinischen Kapazitten, um die drohende berlastung des Systems und den Einsatz der Triage abzuwenden!
Kein Mensch darf sterben (gelassen werden), weil sie_er alt oder krank ist! Ganzheitliche psychosoziale, medizinische und pflegerische Untersttzung fr alle Alten, chronisch Kranken, Menschen mit Behinderung und psychisch Belasteten!

- Miet-Generalstreik!
Es ist angesichts der vorherrschenden finanziellen Unsicherheit nicht zumutbar, weiterhin Mieten, Hypotheken, Kredite etc. zu zahlen!

- Bedingungsloses Grundeinkommen von 3.000 Euro fr Alle!
Unabhngig von ihrem Aufenthaltsstatus. Unbrokratische Auszahlung ohne Zwang zur indivuellen Antragsstellung

- Besetzung allen Leerstand, Hotels, Brorume!
Rume schaffen fr gutes und hygienisches Wohnen fr Geflchtete, Obdachlose und alle, die jetzt in beengten Verhltnissen leben

- Antinationale Perspektiven verbreiten!
Ein Virus, der sich ber physische Nhe bertrgt, kann nicht mittels nationaler Grenzen bekmpft werden! Wir brauchen eine universelle, kosmopolitische Bewegung. Ein_e Corona-Tote_r in Kreuzberg, New York oder Tbingen ist genauso schlimm wie in Wuhan, Lagos oder Kairo

- (Psychische) Gesundheit als Handlungsfeld ernst nehmen und kostenlose Gesundheitsversorgung fr Alle!
Gesundheit als eine wichtige Grundlage fr ein gutes Leben muss strker in den Fokus auch linker Analysen rcken. Kurzfristig bedarf es zudem des Ausbaus einer psychosozialen Untersttzungsstruktur, um die durch die Pandemie verursachten mannigfaltigen psychischen Krisen aufzufangen

- Emanzipatorische Trauerarbeit entwickeln!
Weltweit werden in den kommenden Wochen und Monaten viele Menschen durch den Corona-Virus sterben. Auch Genoss_innen werden davon nicht ausgenommen sein. Die Linke (in Deutschland) hat bisher kaum eigene Trauerrituale, Trauer ist meist religis und/oder familir besetzt. Ggf. kann die queere AIDS-Bewegung der 1980er-Jahre hier ein Vorbild sein.

- Sachzwnge berwinden und am Lustprinzip festhalten!
Wenn wir es wollen, ist auch unter den Bedingungen physischer Distanz Vieles mglich!

Unter dem Regime des physical distancings ist es eine besondere Herausforderung, Protest und Subversion zu organisieren. Wir freuen uns, wenn ihr diese Inhalte off- wie online im ffentlichen Raum via Transparenten, Graffiti etc. verbreitet. Eine Mglichkeit knnten auch Hashtag-Kampagnen (z. B. #corona_generalstreik), koordinierte Shitstorms gegen die Accounts der Herr-schaft oder digitale Blockaden bestimmter Websites sein. Auch kreative Aktionen gegen rzte- und Kapital-Verbnde sowie andere reaktionre Krfte, die sich nun mit sozialdarwinistischen Triage-Forderungen, Hetze gegen alte und kranke Menschen und Arbeitswahn hervortun, sind im Bereich des Mglichen.

Zart wre einzig das Grbste: dass niemand knstlich beatmet werden muss. [6]

Corona du Opfer, gib Impfung Kapitalismus du Opfer, gib gutes Leben!
Fr radikale Empathie und Zrtlichkeit. Nie wieder Profitorientierung!


gruppe 8. mai [berlin/wuhan/lagos]
achtermai.blogsport.de

Funoten:
[1] Fiktive Aussage, in Anlehnung an Karl Marx: Ein Gespenst geht um in Europa das Gespenst des Kommunismus.
[2] https://twitter.com/B___Walther
[3] Aus dem rzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111377/Mediziner-nennen-Kriterien-zu-Entscheidungen-ueber-Leben-und-Tod Die erwhnte Stellungnahme Entscheidungen ber die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie Klinisch-ethische Empfehlungen stammt von der Deutschen Interdisziplinren Vereinigung fr Intensiv- und Notfallmedizin, der Deutschen Gesellschaft fr Interdisziplinre Notfall- und Akutmedizin, der Deutschen Gesellschaft fr Ansthesiologie und Intensivmedizin, der Deutsche Gesellschaft fr Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, der Deutsche Gesellschaft fr Pneumologie und Beatmungsmedizin, der Deutschen Gesellschaft fr Palliativmedizin und der Akademie fr Ethik in der Medizin
[4] http://somost.blogsport.de/16-thesen/
[5] Einer der natrlichsten und fr die Population gesndesten Vorgnge der Welt, das Sterben alter Individuen, wird pltzlich zu einer Ungeheuerlichkeit, so die linksliberale Bloggerin Meike Lobo.
[6] In Anlehnung an Theodor W. Adorno: Zart wre einzig das Grbste: dass keiner mehr hungern soll.

PER EMAIL am 28.3.2020

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