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Texte zur Kritik

Vom Widerborst zum Schöngeist

Bilder aus dem Leben eines Theoretikers

13. Folge: Die subjektlose Herrschaft

Was bisher geschah: Obwohl mit voller Hingabe bei der Sache verliert Robert seinen Job im Fränkischen als Landesinstrukteur beim kommunistischen Jugendverband. Ein alter Arbeiter und Marxist namens Willy hat die Jugendlichen gegen ihn aufgehetzt. Von Nürnberg aus unternimmt Robert jahrelang Versuche, bei anderen Gruppen eine ähnliche Anstellung zu finden. Jedoch ohne Erfolg - denn er will unbedingt gegen die Strömung schwimmen. Dabei lernt er Ernst, Norbert und Klaus kennen. Bald beschließen sie Redakteure zu werden und entdecken in einer Art Mauserungsphase, daß der Wert als Geld die Welt regiert und daß es einen doppelten Marx gab. Sie nennen ihre Zeitung Marxistische Kritik. Dann geht es Schlag auf Schlag. Eine fundamentale Kritik des Marxismus folgt der nächsten. Robert schreibt wie wild, getrieben von einer Welle des publizistischen Erfolgs: Zusammenbruchstheorie, Wertvergesellschaftung, produktiver Müßiggang, Arbeitsontologie... Die Zeitung hat dank Roberts Eloquenz ihre Nische verlassen können, und die Klassen sind verschwunden. Jetzt nennt sie sich Krisis. Robert gibt das Taxifahren endgültig auf und widmet sich ganz dem Fetischbegriff und der Kritik des Subjekts...

Dichte Wolken liegen über Nürnberg. Robert ist ziemlich genervt, als er am Hauptbahnhof aus der Straßenbahn steigt. Er hat eine anstrengende Woche hinter sich. Erst bei der RWE als Referent für Geldtheorie, dann als kulturgeschichtlicher Berater eines Bochumer Theaterprojekts und am Ende der Woche als Spezialist für Zusammenbruchstheorie und Naturaltausch bei der DGB-Fortbildung.

Regen peitscht ihm ins Gesicht. "Wo der Ernst nur bleibt?" Angeekelt betrachtet Robert am Bahnhof herumlungernde Jugendliche, die Kickboxen üben. "Diese kulturelle Enthemmung", denkt er und wendet sich ab von jenen, ihrer zweiten Natur entkoppelten Wesen, die noch hinter das Tier zurückzufallen drohen. Die Neue Züricher Zeitung suchend, schweift sein Blick zum Zeitungskiosk und trifft die Werbung für die Stadtillustrierte Plärrer. Hatte er darin nicht schon vor rund 10 Jahren - wenn auch mit anderen Worten - die kulturelle Verwahrlosung der Jugend gegeiselt. Aber seine Forderung, die Haschbrüder zur Umerziehung in die Fabrik zu schicken, war damals leider ohne Resonanz verhallt.

"Deine Umtriebigkeit wird Dir nochmal zu Verhängnis, Robby!" Robert dreht sich um. Vor ihm steht Ernst, sein Finger deutet auf eine hochgehaltene Armbanduhr. "Der Wagen steht im Halteverbot. Komm, mach schon Robby! Wir müssen nochmal die Jahresversammlung unseres Vereins in der Redaktion durchsprechen!" "Was gibt es da zu reden?", grummelt Robert. Im Auto läßt Ernst nicht locker: "Wo Menschen sich als Käufer und Verkäufer gegenüberstehen und damit ihren gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen, nehmen sie bekanntlich nicht persönlich Bezug aufeinander. Ich finde, das hättest Du Deinen Kritikern bei unserem Jahrestreffen mal wirklich deutlich sagen müssen, statt ihnen erneut Diskussionsbereitschaft zu signalisieren! Norbert und ich haben sich schließlich an unsere Absprache <Schluß mit fruchtlosen innermarxistischen Debatten> gehalten. Daß Klaus, dieser larvierte Arbeiterbewegungsmarxist, sich daran nicht hält und Leute aus Kiel und Kassel für seine Zwecke gegen Dich antreten läßt, war ja wohl zu erwarten. Aber Du, du fällst darauf noch rein?"

"Fahr mal rechts ran!" Robert kramt in seiner Aktentasche. "Hier, das soll der Norbert im nächsten Rundbrief verschicken" und hält einen Stapel Papier hoch. "Ich will, daß Du Dir das sofort durchliest, da drüben ist ein Café." Ernst stellt den Motor ab. "Und dann ist Schluß mit Deiner destruktiven Kritik . Ich habe nämlich die Nase langsam voll von solchen unaufgehobenen männerbündischen Strukturen. Das ist es, was ein wissenschaftlicher Männerverein immer schon mit SA und SS gemein hat. Jede unserer Auseinandersetzungen ist ein Beispiel dafür, ich will mich da keineswegs ausnehmen. Aber bitte lies selber. Hier sind meine Nachbetrachtungen zur Jahresversammlung." Robert drückt ihm sein Skript zwischen Lenkrad und Hände.

Robert blättert seit etlichen Minuten unruhig in der Wirtschaftswoche. Das, was ihm wichtig war, um Attrappen -Kapitalismus und Verteilungskrieg in Deutschland nicht nur begrifflich zu entlarven, sondern auch empirisch zu überführen, hat er längst auf dem Bierdeckel notiert. "Du Robby, ich hab das mal überflogen und find es saustark, besonders der gruppendynamische Teil Punkt 1 - 5.", sagt Ernst und sucht in dem Papier herum. "Hier, hier", er legt den Finger auf den Text: "Aber der Marxismus muß offenbar auch in seinen kritischen oder sogenannten westlichen Varianten totgeschlagen werden." "Einfach bärig - Deine Polemik zum theoretischen Unbehagen im Krisis-Zusammenhang", entfährt es ihm.

In gewisser Weise ist Robert doch froh, daß Ernst und er schlußendlich auf der gleichen Wellenlänge schwingen, daß sie sich nach wie vor einig sind, bei jedem entscheidenden Schritt über die Beschränkung auf das Marx-Universum hinaus Leichen zurückzulassen, selbst wenn die immer wieder aufstehen, ihr Un- behagen-Sprüchlein aufsagen, und sich dann wieder hinlegen. "Ich denke Ernst, Deine Bedenken resultieren aus unseren wertförmigen Strukturen im Krisis-Vereinszusammenhang und dürften jetzt ausgeräumt sein. Die Krisis wird auch ohne die finanziellen Beiträge jenes Teils von Unterstützern weiterleben, die schon seit Jahr und Tag nur noch mit Bauchschmerzen herumschleichen." "Na, dann können wir doch auf eine Redaktionsitzung erstmal verzichten. Der Norbert soll mal den Rundbrief alleine fertigmachen. Das katastrophale Bild, welches das Teil-Protokoll zeichnet, das wir mitverschicken müssen, ist jetzt auch kein Beinbruch mehr," sagt Ernst im Aufstehen und geht zum Thresen, um zu zahlen.

Robert lehnt sich im Stuhl zurück und schaut durch die angelaufene Fensterscheibe nach draußen. Die Stadt ist grau in grau gehüllt und erinnert ihn irgendwie an Kreuzberg. Sie erscheint ihm im vierten Jahr des wiedervereinigten Deutschlands als der adäquate Ort für die Einsamkeit der Amokläufer, Selbstmorde, die Massenflucht in Krankheit und Psychosen. Wie Recht er 1991 doch mit seinem Menetekel der Verkreuzbergerung Deutschlands, der Beirutisierung und der multikulturellen Barbarei hatte. "Doch, wo ist unser Auto" durchfährt es ihn. "Ernst, Ernst, komm doch mal, unser Auto ist weg!" Beide rennen auf die Straße. Tatsächlich!!!

"Hören Sie mal, guter Mann," der Polizeibeamte, schwitzend, hemdsärmlig im überheizten Revier, sich über den Thresen beugend, jovial, "Sie haben mit Ihrem Kfz im absoluten Halteverbot gestanden, der Wagen wurde nicht gestohlen, sondern von uns abgeschleppt. Ihre Diebstahlsanzeige ist völlig sinnlos. Sie zahlen fürs Abschleppen 416 Mark und ein Bußgeld von 80 Mark und dann können Sie Ihr Auto vom Hof fahren." Ernst wirkt konsterniert. Robert winkt ab, wortlos legt er 500 Mark auf den Thresen. Ein Tag Vortragsarbeit bei der Humanistischen Union, weg ist das Geld.

Beim Hinausgehen ergreift Ernst das Wort, irgendwie will er vermitteln: "Robby, reg Dich bloß jetzt nicht über den Bullen auf.Vielleicht stehen wir tatsächlich am buchstäblichen, nämlich negativen Ende der menschlichen Geschichte. Du selber hast es ja so trefflich beschrieben: Alle sozialen Subjekte des warenproduzierenden Systems sind als solche Charaktermasken der Fetischform."

"Eine solche unvermittelte Preisgabe des Herrschaftsbegriffs wäre sozusagen schon taktisch inakzeptabel." fällt ihm Robert zurechtweisend ins Wort. "In dieser Verkürzung übersiehst Du schlicht, daß diese Repression nicht mehr auf ein bestimmtes Subjekt zurückgeführt werden kann, daß sie strukturell ist, ändert nichts an ihrem Charakter und nichts daran, daß sie hassenswert ist."

"Jetzt dreh mir das Wort nicht im Mund herum!", kontert Ernst. "Wenn die Monade leichtfertigerweise ihre vier Wände verläßt und sich auf die Straße begibt, hat sie prinzipiell die Wahl, ob sie sich in einen Radfahrer, Autofahrer, Fußgänger oder einen Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel verwandelt, die Mutation zum Verkehrsteilnehmer, der sich selbstkontrolliert nur auf dränierten Bahnen bewegt, steht jedoch nie zur freien Disposition. Nolens volens partizipiert jeder an der Megamaschine Verkehr, und wer sich den an die jeweilige Teilnahmeform gekoppelten Zwängen nicht fügt, riskiert Verstümmelung und Tod."

"Ich find, Du machst hier erneut Widersprüche zwischen uns auf, wo ich vorhin schon dachte, daß sie überwunden wären und kleidest sie in Unterstellungen, so wie unlängst, als Du erklärstest, ich sei mit Roswithas Abspaltungstheorem reussieren gegangen", brüllt ihn Robert an. "Offenbar ist es schwierig, die Meta-Reflexion des Verhältnisses in den Denkformen dieses Verhältnisses zu denken, die aber zunächst vorausgesetzt sind." Und macht auf dem Absatz kehrt.

"Das laß ich mir von Dir nicht mehr länger bieten. Ich mach´ ´ne Redaktionssitzung und dann wollen wir mal sehen, wer von uns mit Bahro den Gottesbeweis diskutiert. Du oder ich!, schreit Ernst ihm eher hilflos hinterher.

Fortsetzung folgt!

© NOVAVIA-VERLAG 1994

Lesen Sie die nächste Folge:

Gott als Wertform

Robert erhält außer Karl Lagerfeld den Kulturpreis des Axel-Springer-Verlages. Wird die Krise der Krisis dadurch überwunden? Wird Robert derjenige sein, der den negativen Gottesbeweis gegen Bahro wagt? Hilft ihm dabei Konrad Weiß, der Dramaturg der Runden Tische und was wird aus Roswitha?

Eine Produktion von Karl Müller, Berlin

aus: Spezial Nr. 95, Hannover März/April 1994